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Wasserschloss
Tatenhausen
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Kurbad

Im 19. Jahrhundert war Tatenhausen nicht nur Adelssitz, sondern auch Kurort. Mineral- und Schlammquellen zogen Gäste aus der Region an – 1826 waren es über tausend.

Die Quellen

In der Nähe des Schlosses treten Mineral- und Schlammquellen zutage. Eine diente für Trinkkuren, die andere für Badekuren. Lange blieben sie unbeachtet, weil ihr Wasser in einen nahen Mühlenbach und Mühlenteich abfloss.

Wie man auf sie aufmerksam wurde, erzählen der Salzufler Apotheker Rudolph Brandes und Karl Tegeler 1830 so: Um 1795 trank ein Landmann namens Nagel, der nahe den Quellen wohnte, bei der Feldarbeit regelmäßig von dem Wasser – und er wie seine Mitarbeiter bekamen jedes Mal Durchfall. Bald nahmen die Leute der Nachbarschaft das Wasser absichtlich, gegen Verstopfung, Beinschäden, Drüsenleiden der Kinder, Gicht und langwierige Augenleiden, zunächst ohne ärztlichen Rat. Auch der Schlamm der Quellen kam in Gebrauch.

Aufgefallen war den Anwohnern schon vorher manches: ockerfarbener Absatz, eine schillernde Haut auf dem Wasser, keine Fische und Frösche, und die Quellen froren nie zu. Der inzwischen verstorbene Obermarschall Graf von Schmising ließ daraufhin den heutigen Trinkbrunnen fassen und das Wasser untersuchen. Die erste Analyse machte Professor Bodde in Münster; veröffentlicht wurde sie nicht. Danach wiederholte sie der bekannte Brunnenanalytiker Westrumb und fand unter anderem Kohlensäure, „schwefelartige Luft“, Salze, Magnesia, Kalk und Eisen. 1799 beschrieb der Münsteraner Professor Detten den „neu entdeckten eisenhaltig-salinischen Schwefelbrunnen zu Tatenhausen“; im selben Jahr wurde die Quelle aufgebohrt.

Zur Entdeckung. Wann die Quellen entdeckt wurden, ist nicht sicher. Wikipedia und die Stadt Halle nennen 1720, nach einem Bericht aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das älteste hier ausgewertete Werk, das Buch von Brandes und Tegeler aus dem Jahr 1830, erzählt dagegen die Geschichte vom Landmann Nagel um 1795; ihm folgt das virtuelle Museum der Stadt Halle. Auch Brandes und Tegeler halten es für möglich, dass der auffällige Absatz der Quellen schon früher „dann und wann“ bemerkt worden war.

Vom Brunnen zum Kurort

Kupferstich-Zeichnung des langgestreckten, eingeschossigen Badehauses mit Walmdach und Sandsteinrahmungen an Fenstern und Türen.
Das ehemalige Badehaus. Zeichnung nach der Fotografie „Halle Wasserschloss Tatenhausen Badehaus“ von Hagar66, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0. Die Zeichnung steht unter derselben Lizenz.

Eine richtige Brunnenanstalt entstand erst, als Graf Maximilian von Schmising – so Brandes und Tegeler 1830 – „vor etwa 10 Jahren den Grund zu der heutigen Anstalt legte“, also um 1820. Das virtuelle Museum der Stadt Halle nennt ihn Maximilian von Korff-Schmising.

Am Anfang stand ein kleines Badehaus mit zwei Badezimmern und einer Heizung. Der Andrang war so groß, dass noch im selben Sommer ein drittes Zimmer eingerichtet werden musste; im Durchschnitt badeten 40 bis 50 Personen am Tag. Nach zwei Jahren brannte das Haus ab – nach dem virtuellen Museum 1821. An seine Stelle trat der langgestreckte Steinbau, der bis heute steht.

Er hatte zunächst sechs hohe Badezimmer mit Wannen aus Holz, Stein und Gusseisen. Durch doppelte Rohre floss warmes und kaltes Wasser zu, sodass jeder Gast die Temperatur selbst einstellen konnte; üblich waren 25 Grad Réaumur, gut 31 °C. Weil 1825 Kranke abgewiesen werden mussten, wurde angebaut: 1826 war die Zahl der Badezimmer verdoppelt.

Für Dampfbäder gab es einen eigenen Raum, in den Dampf aus einem Kessel geleitet wurde; der Gast saß darin, den Kopf außerhalb. Für das Schlammbad schob man Rollwagen mit Schlamm unter den Fußboden; eine Öffnung im Boden führte ins Schlammbad. Im Nebenzimmer wartete ein klares Wasserbad zum Abspülen. Dazu kamen ein Apparat für Duschbäder („Douche“) und zwei geräumige Zimmer, in denen die Gäste nach dem Bad blieben. Ein Arzt kam während der Kurzeit regelmäßig nach Tatenhausen und verordnete die Bäder.

1830 kam ein Gesellschaftshaus hinzu, der heutige Gasthof Tatenhausen. 1831 standen den Gästen 45 Logierzimmer zur Verfügung, neun davon im Torhaus des Schlosses. Bis 1843 wurde die Anlage weiter ausgebaut.

Kurleben um 1830

Kupferstich-Zeichnung: das Badehaus um 1830, ein langer, niedriger Bau mit Walmdach über dem Mittelteil und zwei Seitenflügeln, davor ein Teich mit Spiegelbild; rechts ein Nebengebäude hinter einem Zaun und ein großes Haus hinter einer Pappel.
Das Badehaus um 1830. Zeichnung nach der Lithographie „Badehaus“ aus Brandes/Tegeler, Die Mineralquellen und das Mineralschlammbad zu Tatenhausen, Lemgo 1830 (gemeinfrei; Digitalisat der ULB Münster). Die KI-Zeichnung gibt die Vorlage frei wieder und ist in Einzelheiten ungenau.

Brandes und Tegeler beschreiben das Leben in Tatenhausen als „ländliches, ungenirtes, wie es an einem Curorte seyn muss“. Vom Badehaus führte eine Allee aus Ulmen und Lärchen zum Trinkbrunnen, der eine Überdachung auf großen Säulen bekommen hatte.

Die Gäste wohnten im Wirtschaftsgebäude des Wirts Helling und im Logierhaus mit dem Gesellschaftssaal, außerdem im Pforthaus des Guts und bei Förster, Gärtner und Nachbarn. Die Zimmer vergab der Förster Schuhmacher. Bei Helling aß man an der Table d’hôte oder auf dem Zimmer; die Preise hingen im Wirtschaftszimmer aus.

Ein Bad kostete 3 bis 6 Gutegroschen, Schlamm- und Duschbäder etwas mehr. Arme Kurgäste badeten umsonst, wenn sie eine Bescheinigung ihrer Gemeinde oder ihres Pfarrers mitbrachten.

Glücksspiel war verboten; man vertrieb sich die Zeit mit Billard und Kegeln. Sonntags kamen die Leute aus der Nachbarschaft, eine Kapelle spielte Harmoniemusik im Freien, und abends wurde im Ballsaal des Gesellschaftshauses getanzt. Wer lesen wollte, bekam Bücher aus den Leihbibliotheken in Münster und Bielefeld, mit denen Tatenhausen regelmäßig durch die Post verbunden war. Ab 1839 gab es nach dem virtuellen Museum der Stadt Halle regelmäßig sonntags Bälle.

Die Blütezeit

Ihre Blüte erlebte das Kurbad ab 1819. Das erfolgreichste überlieferte Jahr ist 1826: Gezählt wurden 1.020 Kurgäste und 6.554 Bäder. Die Gäste kamen nach Brandes und Tegeler auch „aus sehr entfernten Gegenden“; 1828 nahmen sie „über 5000“ Bäder. Linderung suchten sie nach dem virtuellen Museum bei Rheuma, Knochen- und Nervenleiden.

Das Buch von 1830 nennt außerdem alte Beingeschwüre, Drüsenleiden bei Kindern, chronische Augenleiden, Brust- und Hämorrhoidalbeschwerden sowie Leiden des Unterleibs. Den Schlamm wendete man äußerlich an.

Zu den Heilwirkungen. Das sind Erfahrungsberichte aus dem frühen 19. Jahrhundert, keine Wirkungsnachweise im heutigen Sinn, und die Krankheitsnamen von damals decken sich nicht mit heutigen Diagnosen. Zudem beschreibt das Buch das Bad durchweg wohlwollend. Es ist eine Quelle zur Geschichte der Badekultur, kein medizinischer Rat.

Was im Wasser war

Den größten Teil ihres Buchs widmen Brandes und Tegeler der chemischen Untersuchung. Frisch geschöpft war das Wasser der Trinkquelle hell und klar, roch schwach nach Schwefelwasserstoff und schmeckte leicht salzig; an der Luft wurde es trübe, und in Krügen versandt verlor es Geruch und Geschmack nach Schwefel bald ganz. Die Quelle hatte 10 Grad Réaumur (12,5 °C), als die Luft 15 Grad zeigte, im Frühjahr bei 9 Grad Luft nur 5 Grad (gut 6 °C). Die Badequelle glich ihr in Aussehen und Temperatur und lieferte in 24 Stunden 8.256 Eimer Wasser.

In einem Pfund Wasser der Trinkquelle fanden die Autoren knapp anderthalb Gran feste Stoffe, vor allem kohlensauren Kalk, dazu Eisen, organische Stoffe, Gips, verschiedene Salze, etwas Jod, außerdem wenig Kohlensäure und Spuren von Schwefelwasserstoff. Die Badequelle war ähnlich zusammengesetzt. Die Autoren selbst nennen die Quellen „wenig reichhaltig“ an Bestandteilen – bemerkenswert fanden sie die große Wassermenge und den starken Absatz.

Die vollständige Analyse der Trinkquelle von 1830
Feste Bestandteile in einem Pfund Wasser, in Gran, nach Brandes und Tegeler
BestandteilGran
Kohlensaurer Kalk0,95340
Kohlensaures Eisenoxydul0,10972
Stickstoffhaltige organische Substanz0,09600
Extraktivstoffartige Materie0,09604
Schwefelsaurer Kalk (Gips)0,04150
Schwefelsaures Natron, kristallisiert0,04076
Chlormagnesium, wasserhaltig0,02802
Kieselerde0,02800
Kohlensaure Bittererde (Magnesia)0,02708
Stickstoffhaltige, an Kieselerde gebundene organische Substanz0,02400
Chlornatrium (Kochsalz)0,01102
Kalk als Silikat0,00616
Alaunerde mit Spuren von Eisenoxyd0,00600
Phosphorsaurer Kalk0,00400
Jodnatrium0,00360
Schwefelsaures Kali0,00358
Bituminöses Harz0,00300
Kohlensaures Manganoxydul0,00210
AmmoniaksalzSpuren
Zusammen1,48398

Diesen Absatz erklären sie so: „Die Kohlensäure entweicht fast augenblicklich, so wie das Wasser die Luft berührt“. Dann wird das gelöste Eisen an der Luft zu Rost, fällt zusammen mit Kieselerde, Gips und organischen Stoffen aus und bildet einen rötlichgelben, gallertartigen Belag – den Grundstoff des Badeschlamms.

Zu den Zahlen. Die Werte und Stoffnamen entsprechen dem Stand der Chemie von 1830 und lassen sich nicht ohne Weiteres mit heutigen Analysen vergleichen. Pfund, Gran und Eimer waren regional verschiedene Maße; deshalb sind sie hier nicht umgerechnet. Die Grad-Celsius-Werte sind aus den Réaumur-Angaben gerechnet.

Der Schlamm

Schlamm gab es reichlich. An der Allee zwischen Badehaus und Trinkquelle trat eine Schlammquelle so stark aus dem Boden, dass man fast jeden Abend eine große Schubkarre voll abtragen konnte. An Bade- und Trinkquelle zusammen kam täglich noch einmal eine Karre dazu. Weitere vier bis fünf Schlammquellen lagen eine halbe Stunde entfernt in der Diekbroker Wiese am Postweg, auf dem einzigen Torfboden der näheren Umgebung.

Gesammelt kam der Schlamm in ein großes Becken. Frisch war er an den Mineralquellen rötlichgelb, im Becken wurde er allmählich dunkelgrün bis schwarz: sehr weich, schlüpfrig, fein, schwach nach Schwefelwasserstoff und später moorig riechend. Brandes und Tegeler fanden darin Eisen, Kalk, Gips, Kiesel- und Alaunerde, Harze, Wachs und reichlich stickstoffhaltige organische Substanz. Gerade von dieser erwarteten sie „ausgezeichnete Wirkungen“ – ein Grund, warum man das Badehaus so einrichtete, dass es täglich mehrere Schlammbäder geben konnte.

Niedergang

Ab 1855 waren vor allem die Schlammbäder gefragt. In den 1870er-Jahren brachte ein Pächter namens Hoffschulte noch einmal mehr Gäste. Danach ging der Betrieb zurück; 1903 wurde der Verfall der Anlagen beklagt. Die Gebäude blieben erhalten und werden heute gastronomisch genutzt. Das Alte Badehaus und der Gasthof stehen unter Denkmalschutz.

Zum Ende. Die Quellen setzen das Ende der Blütezeit unterschiedlich an: das virtuelle Museum der Stadt Halle um 1860 (mit einem letzten Aufschwung bis 1879), die Stadt Halle 1889. Wikipedia nennt einen Rückgang gegen Ende des 19. Jahrhunderts ohne Jahr.